Montag, 15. März 2010

Unerwartetes Lob für deutsche Wirtschaft

Die Engländer sind ja nicht gerade dafür bekannt, dass sie Deutschland lieben. Und wenn schon Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde die Bundesrepublik angreift, dass sie den europäischen Nachbarländern mit ihrer starken Exportwirtschaft schade, erwartet man eigentlich von der britischen Presse tosenden Applaus für die Attacke. Um so überraschender kommt nun eine dicke Anerkennung von der Insel - für die deutsche Wirtschaft. Die Titelgeschichte des renommierten englischen Wirtschaftmagazins "Economist" zeigt Deutschland als großes zentrales Zahnrad im Europäischen Wirtschaftsgetriebe, das die anderen kleineren Zahnräder in Schwung hält. Und der Artikel ist voll des Lobes für den Lieblingsgegner der britischen Boulevardpresse. Erstaunlicher noch: Auch in den Diskussionsforen der Economist-Leser kommen weit mehr anerkennende als abwertende Beurteilungen zu deutschen Wirtschaft vor. Deutschland habe, so der Economist-Autor, alte deutsche Tugenden mit neuen kombiniert: Die alte Sozialpartnerschaft habe den Unternehmen geholfen, die Arbeitskosten zu senken. Und Schröders Agenda-Reformen haben die notwendige Liberalisierung gebracht. Tatsächlich ist der deutsche Arbeitsmarkt in erstaunlich robusten Zustand: obwohl das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Jahr um rund fünf Prozent einbrach, stieg die Arbeitslosigkeit nur sehr moderat. Das verdanken wir sicher zwar auch, aber nicht nur den ausgedehnten Kurzarbeitsregeln. Ein anderer Grund ist die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit. Nicht nur die Löhne sind sehr moderat gestiegen. Die Unternehmen haben auch konsequent alle anderen Kosten gesenkt, rationalisiert und modernisiert. Anders als in vielen anderen EU-Ländern sind die Lohnstückkosten hierzulande deshalb seit dem Jahr 2000 spürbar gesunken. Genau das drückt aber die Nachbarn: Denn in einem freien Markt wie der EU gewinnt das billigere und bessere Produkt. Deutschland solle deshalb mehr dafür tun, die heimische Nachfrage anzukurbeln lautet daher die Forderung von Frankreichs Christine Lagarde. Kanzlerin Angela Merkel weist das empört zurück. Dennoch ist etwas dran an der These, dass Ungleichgewicht in einem Währungsraum nicht auf Dauer bestehen können. Sicher ist es kein Weg, Deutschland ineffizienter zu machen, um anderen einen Chance zu geben. Viele europäische Länder haben enorme Sanierungs- und Reformaufgaben vor sich und müssen sie endlich anpacken. Doch Deutschland ist noch lange nicht durch mit seinen Reformen. Mehr Liberalisierung könnten tatsächlich zu mehr Konsum und Investitionen führen, von denen auch das Ausland profitieren würde. Das zumindest ist die Schlussfolgerung des Economist. Und der denkt damit gar nicht mal so viel anders, als Christine Lagarde.

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