Montag, 14. März 2011

Die Börsen hoffen auf einen glimpflichen Ausgang in Japan

Fassungslos sitzen wir alle vor den Fernsehbilder aus dem fernen Japan. Die Probleme in den Kernkraftwerken fesseln uns fast noch mehr als das tausendfache Leid der Menschen, die in der vorangegangenen Naturkatastrophe ihr Hab und Gut, ihre Existenz und ihre Angehörigen verloren haben. Denn die Gefahren und Auswirkungen eines atomaren Desasters in einem Industrieland sind noch erschreckender, als die des Erdbebens und des Tsunamis. Und für uns alle fast nicht einzuordnen.

Wie sich eine Gesellschaft und eine Wirtschaft von einer Naturkatastrophe erholt, ist bekannt. Zunächst richtet sich alles richtigerweise auf die Maßnahmen aus, die zur Rettung Überlebender notwendig sind. Gleichzeitig sinkt natürlich die Produktion in der betroffenen Region drastisch. In Japan wird die Industrie jetzt zudem landesweit von Engerieengpässen betroffen sein. Davon sind – in Zeiten der Globalisierung – auch andere Produktionsstandorte betroffen, die auf Lieferungen aus der Region angewiesen sind. 

In Phase zwei beginnen die Aufräumarbeiten. Dann wird wiederaufgebaut und diese Phase geht oft mit Wachstum in dem Land einher, zumal in einem Industrieland, wo vieles von Versicherungen und Rückversicherungen abgedeckt ist. Denn die zerstörten Straßen, Häuser und Autors müssen ersetzt werden, die Unternehmen und Produktionsstätten neu gebaut und ausgerüstet werden. Die Wirtschaft profitiert davon, die Aktienkurse steigen wieder. Auch nach dem Erdbeben in Kobe 1995 kletterte der Nikkei nur ein halbes Jahr später wieder deutlich.

Die wirtschaftlichen Verlierer von Naturkatastrophen in Industrieländern sind also in erster Linie die Rückversicherungen, Gewinner die Bauwirtschaft und alle möglichen Produzenten von Ausrüstungen, Automobilhersteller und der Maschinenbauer. Doch diesmal könnte alles anders kommen. Denn ob und wie das zerstörte Gebiet wieder aufgebaut werden kann, hängt von der weiteren Entwicklung in den Atomkraftwerken ab. Möglich ist fast alles. Eine Kontaminierung eines beschränkten Gebietes aber auch eine radioaktive Wolke über Tokio, einem der größten Ballungszentren der Erde. Welche Folgen so etwas für die Weltwirtschaft hätte, ist kaum abzuschätzen.

Die Börsen, die ja nichts so sehr hassen wie Unsicherheit, reagieren bisher erstaunlich rational auf diese Situation. Klar rutschten die Kurse in Tokio dramatisch ab, Öl wird ein bisschen billiger – die Nachfrage aus Japan fällt ja erst einmal teilweise weg. An den internationalen Börsen werden vor allem Rückversicherer, Energieversorger und Unternehmen mit großem Japangeschäft niedriger gehandelt, die Indizes geben weltweit leicht nach. Und in Deutschland boomen die Hersteller und Ausrüster alternativer Energien, weil nun ein schnellerer politischer Wandel weg von der Atomkraft erwartet wird.

Dennoch: Die Ereignisse in Japan könnten die Weltwirtschaft mehr belasten, als das die Börsen jetzt vorwegnehmen. Denn die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt könnte auf Dauer wirtschaftliche angeschlagen bleiben. Die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl belasten die ukrainische Wirtschaft bis heute. Der Reaktor muss aufwendig gesichert werden, die medizinischen Folgekosten – der zahlenmäßige Ausdruck für vielfaches menschliches Leiden - sind hoch. Und in einigen Industrieländern wird nun der Druck wachsen, sich schneller von der Atomkraft zu verabschieden. Auch das wird teuer.

Alles hängt natürlich davon ab, wie sich die Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima weiter entwickelt. Bislang gehen die Märkte wohl von einem halbwegs glimpflichen Ausgang aus. Nie habe ich mir so sehr gewünscht, dass die Börsen recht behalten.

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