Mittwoch, 19. März 2014

Euro-Stärke wird zur ernsten Gefahr für den Konjunktur- und Börsenaufschwung

Bei den obligatorischen Umfragen zur Jahreswende sagten die meisten Experten eine deutliche Schwäche des Euro vorher. Es kam genau umgekehrt. Der Euro ist mit fast 1,40 Dollar so stark, dass die Alarmglocken zu läuten beginnen – für die Konjunktur und die Aktienmärkte in Europa.

Die Drohgebärde von EZB-Chef Mario Draghi hat nicht lange Eindruck gemacht. Als sich der Euro in der vorigen Woche schon einmal bedrohlich den 1,40 Dollar angenähert hatte, stellte Draghi klar, dass er dem Wechselkurskurs eine große Bedeutung in der Geldpolitik beimesse. Die Gemeinschaftswährung tauchte daraufhin ab – um wenige Tage später mit neuer Kraft weiter zu klettern. Und nun wächst die Angst, dass die Euro-Stärke die noch fragile Konjunktur in der EU gefährden könnte.

Ein Indiz dafür bieten die Jahresabschlüsse, die Europas Unternehmen in den letzten Wochen vorgelegt haben. Hier zieht sich eine Entwicklung wie ein roter Faden durch die Aussagen von Konzernlenkern exportintensiver Firmen: Der starke Euro hat vor allem im Schlussquartal 2013 die Ertragskraft deutlich geschmälert. Das gilt für deutsche Konzerne wie Linde, Bayer oder Henkel, noch stärker aber für nicht so konkurrenzfähige Unternehmen der Problemstaaten in der Eurozone. Und da der Euro seither noch weiter zugelegt hat, ist das Problem eher größer als kleiner geworden.

Deshalb gerät die EZB zunehmend unter Druck, die Aufwertung zu stoppen, zumal der starke Euro Importwaren billiger werden lässt und daher auch noch die Deflationsängste schürt. Allerdings wird das kein einfaches Unterfangen sein, weil zwei nicht so leicht zu ändernde Faktoren die Euro-Stärke begründen: Erstens holen diejenigen Banken, die dem Stresstest der Europäischen Aufsicht unterworfen sind, massiv Gelder zurück, die sie außerhalb des Euroraums ausgeliehen oder investiert hatten, um damit ihr Kapitalsituation zu verbessern und den Stresstest zu bestehen. Und zweitens ist die EZB die einzige große Zentralbank, die ihre Bilanzsumme verkleinert – und das drastisch. Sie hat sie von gut drei Billionen Euro auf nur noch etwas mehr als zwei Billionen geschrumpft. Das bedeutet, dass Euro im Vergleich zu Dollar, Yen, Pfund und Co. relativ knapp geworden sind. Diese Entwicklung treibt den Wechselkurs.

Ansetzen kann die EZB deshalb eigentlich nur bei der Liquiditätsversorgung und wohl erst in zweiter Linie bei den Zinsen, bei denen ohnehin kaum noch Spielraum besteht. Der Weg, den andere Notenbanken gehen, ist aber für die EZB schwierig: Staatsanleihen zu kaufen und damit die Bilanzsumme auszudehnen. Im Prinzip kann die EZB nach den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts nicht wie früher nur Anleihen der Problemstaaten aufkaufen, sondern müsste das für alle Mitglieder tun - entsprechend ihrem Anteil am EZB-Kapital. Damit würde die Nachfrage nach deutschen Bundesanleihen am stärksten zunehmen - und da dies in einer Zeit passieren würde, in der Deutschland ohnehin netto kaum neue Schulden aufnehmen muss, würde das die Renditen von Bundesanleihen noch tiefer in den Keller schicken.

Die EZB dürfte deshalb vorerst den Pfeil der Anleihenkäufe noch im Köcher lassen und mit verbalen Interventionen und eventuell einer Liquiditätszufuhr über andere Kanäle die Aufwertungsspekulation erschweren. Aber wenn der Euro deutlich über 1,40 Euro springen sollte, bleibt Draghi wohl nichts anderes übrig, als die umstrittenen Anleihenkäufe zu starten. Für die Börsen bedeutet das: Auf der einen Seite kühlt die Euro-Aufwertung das Wirtschaftsklima und die Gewinnaussichten der Unternehmen ab und ist somit negativ für Aktien. Auf der anderen Seite aber könnte die Hoffnung auf eine neuerliche Lockerung der Geldpolitik immer wieder für positive Impulse sorgen. Es bleibt damit spannend an den Börsen - und garantiert scheinen in diesem Umfeld nur starke Kursschausschläge in beide Richtungen, je nachdem, ob gerade die Angst vor dem starken Euro oder die Hoffnung auf eine noch lockerere Geldpolitik überwiegt.

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