Dienstag, 20. Mai 2014

Ist Russlands Wirtschaft wirklich so marode?

Die Sanktionen gegen Russland, so eine weit verbreitete Meinung, treffen eine ohnehin marode Wirtschaft bis ins Mark. Steht Putins Reich aber wirklich so schlecht da, oder ist der Wunsch der Vater des Gedankens?

Überschriften wie "Russland vor der Pleite" oder "Putin fährt die Wirtschaft gegen die Wand" suggerieren, dass Putin wirtschaftlich völlig versagt hat. Wer den fallenden Rubel, die Kapitalflucht und den Kurssturz der Moskauer Börse als Indiz für die Malaise heranzieht, mag sich bestätigt fühlen. Und auch die aktuellen Konjunkturdaten sind nicht gerade berauschend. Das Wachstum war zwar im ersten Quartal mit knapp einem Prozent immer noch höher als in den meisten Euro-Ländern, aber eben nur noch halb so hoch wie im Schlussvierteljahr 2013. Selbst das russische Finanzministerium schließt eine Rezession nicht aus.

Die schwachen kurzfristigen Entwicklungen verstellen jedoch den Blick dafür, dass Russlands Wirtschaft nach Putins Amtsantritt eine beeindruckende Vorstellung abgeliefert hat. Noch 2010 lobte die US-Denkfabrik CSIS, dass sich Russland unerwartet schnell und stark entwickelt habe. Allerdings geschah dies so richtig erst nach Putins Amtsantritt.

Die Jahre seines Vorgängers Boris Jelzin waren von einer andauernden Schrumpfung der Wirtschaftsleistung, hoher Arbeitslosigkeit, kaputter Steuermoral und schließlich 1998 dem Staatsbankrott gekennzeichnet. Das war die Zeit, als Heerscharen von angelsächsischen Wirtschaftsberatern die Politik maßgeblich in Richtung ungebremstem Kapitalismus - dem so genannten Minimalstaat - beeinflussten und damit den Aufstieg der Oligarchen ermöglichten.

In Jelzins Amtszeit sank die reale Wirtschaftsleistung von 1,1 auf 0,9 Billionen US-Dollar, und erst nach der Krise von 1998 ging es laut Daten von IWF und Weltbank steil bergauf. Mit knapp 2,6 Billionen Dollar ist Russland, gemessen an der Kaufkraftparität, zur sechst-stärksten Wirtschaftsnation aufgestiegen.

Bei Putins Amtsantritt war es noch die Nummer 22. Für die Russen am wichtigsten ist jedoch, dass dieser Wohlstandsgewinn der breiten Masse zugute kam. Die Löhne und Gehälter stiegen dramatisch an, ebenso die Renten, und die Arbeitslosigkeit sank auf unter sechs Prozent - davon können Spanien oder auch Frankreich nur träumen. Die Armutsquote fiel von über 30 % auf 12 % und die Mittelschicht verbreiterte sich rasant.

Die Staatsverschuldung sank von 158 % der BIP auf 10 %, einschließlich der Staatsfonds sogar nahe Null. Russland verbuchte in den letzten drei Jahren jeweils Exportüberschüsse von 180 bis 200 Milliarden Dollar  und die Gold- und Devisenreserven zählen, trotz der massiven Kapitalflucht, mit knapp 500 Milliarden Dollar immer noch zu den weltgrößten.

Natürlich hat Russland Probleme, von den niedrigen Investitionen über die zu starke Fixierung auf den Öl- und Rohstoffbereich bis hin zu den zu wenigen Klein- und Mittelunternehmen. Aber so schwach, um gleich beim ersten Sanktionshauch umzufallen, ist Russland beileibe nicht. Wobei ironischerweise die seit den Sanktionen beschleunigte Rubel-Abwertung Putin sogar hilft, die Wirtschaft zu stabilisieren. Denn die Einnahmen in Rubel sind dadurch bei gleichem Öl- und Gaspreis um 10 % höher als noch Ende 2013. Das stützt die Konjunktur und spült zusätzliches Geld in den Staatshaushalt.

Auch mit weiteren Sanktionen ist deshalb Russlands Wirtschaft kaum aus den Schuhen zu heben - es sei denn, sie fallen so umfassend aus, dass der Handel gen Westen weitgehend eingeschränkt wird. Aber das würde insbesondere den EU-Staaten vermutlich noch mehr weh tun als Russland.


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