Dienstag, 2. Dezember 2014

Ölpreissturz sorgt für Wachstumsschub - aber nur kurzfristig

Das kann die schwächelnde Konjunktur in Europa, Japan und Teilen Asiens gut gebrauchen: Einen Wachstumsschub von 0,8 % hat der IWF bei einem Ölpreisrückgang von 30 % (der längst übertroffen ist) den Regionen in Aussicht gestellt, die fossile Brennstoffe überwiegend importieren müssen. Aber der positive kurzfristige Effekt muss unter Umständen langfristig teuer erkauft werden.
Saudi Arabien hat mit viel Rhetorik und der Blockade einer OPEC-Förderkürzung dafür gesorgt, dass der Ölpreis so extrem tief abgestürzt ist. Aber die Saudis machen das mit voller strategischer Absicht: Sie wollen den Investoren, die viel Geld in amerikanische Fracking-Projekte und in Grüne Energie stecken, zeigen, dass die Risiken für die Geldgeber verheerend sein können, wenn der Ölpreis lange auf dem jetzigen Niveau verharrt oder noch tiefer fällt. Damit soll der Investitionsboom in Konkurrenzprojekte zu den herkömmlichen Ölförderern radikal abgeschnitten werden.

Der Plan der Saudis scheint aufzugehen, wenn man die Reaktion an den Kapitalmärkten betrachtet: Die Aktienkurse der US-Fracker sind eingebrochen und die Anleihen, mit denen sie die teuren Bohrungen überwiegend finanzieren, noch viel mehr. Erste Warner befürchten gar, dass die nächste Finanzkrise vom Ausfall von Schrottanleihen alternativer Energieunternehmen ausgelöst werden könnte - allerdings frühestens 2015/2016 weil viele Firmen ihre Ölverkäufe im Bereich 90 bis 100 Dollar abgesichert haben und erst anschließend in finanzielle Schieflage geraten würden. J.P. Morgan hat errechnet, dass bei dauerhaft niedrigem Ölpreis 25 bis 40 Prozent der Fracking-Junk-Bonds Pleite gehen würden.

Soweit muss es Saudi Arabien gar nicht kommen lassen. Den Scheichs wird es vermutlich genügen, wenn der Warnschuss der letzten Monate dazu führen würde, dass die Exploratoren sowohl beim Fracking als auch bei herkömmlichen Ölprojekten viel vorsichtiger werden und dass damit wesentlich weniger neue Energiequellen erschlossen werden, als bislang geplant. Ähnliches gilt für Solar- und Windstrom, der ja auch weniger rentabel wird, wenn weltweit die Energiepreise purzeln.

Das alles würde langfristig das Ölangebot wieder reduzieren und das Wachstum alternativer Energien bremsen. Und das würde den jetzt so gebeutelten Ölfördern wieder mehr Preismacht sichern - etwas, auf das Saudi Arabien immer schon viel Wert gelegt hat. Also: Freuen wir uns an den positiven Effekten des Ölpreisrückgangs - aber diese Entwicklung fortzuschreiben wäre verfehlt. Denn der jetzige Konjunktur- und Kaufkraftimpuls könnte nur geliehen sein.

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