Montag, 2. Februar 2015

Negative Inflation lässt viele Experten kalt

Ein dickes Minus von 0,6 Prozent steht im Januar vor der Inflationsrate in der Eurozone. Das schürt die Angst vor einer Deflation. Doch wäre das wirklich das "Quasi- Todesurteil für jede Volkswirtschaft" wie ARD Börse schreibt? Immer mehr Experten sind da anderer Meinung.

Vor ein paar Tagen hatte ich in London ein Interview mit Francisco Garcia Parames - einem der erfolgreichsten Value Investoren Europas. Und er kann sich in Sachen Deflationswarnungen richtiggehend echauffieren. Die gängige Lehrmeinung sei schlicht falsch, meint er. Immerhin seien die USA im 19ten Jahrhundert 30 Jahre lang mit Deflation gewachsen. Solange es einen Produktivitätsfortschritt gebe, sind sinkende Preise für ihn nicht mehr als an Konsumenten weitergegebene Kostenvorteile.

Eine Ansicht, die ich in den letzten Monaten immer öfter höre. Vor einem knappen Jahr schon argumentierte Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner ähnlich. Rückläufige Preise in Europa waren für ihn nicht nur ein gewolltes Ergebnis der Reformpolitik. Sondern auch hilfreich für die Menschen in den Schuldenstaaten, wo die Sozialleistungen zusammengekürzt werden.

Seither hat sich der Preisverfall beschleunigt und auf so gut wie ganz Europa ausgedehnt. Doch im selben Zeitraum ist auch der Ölpreis drastisch gefallen. Eine richtiggehende Deflationspirale hat sich noch nicht etabliert, zu der ja auch ganz deutlich sinkende Löhne gehören würden.

Im Gegenteil: Die Wirtschaft profitiert von der höheren Kaufkraft der Konsumenten, die den zusätzlichen finanziellen Spielraum gerne verjubeln. Es sei Unsinn davon auszugehen, dass Menschen Konsum aufschieben, nur weil etwas später noch ein bisschen billiger sein könnte, glaubt Parames. Und da mag er recht haben: Der Markt für Computer zum Beispiel hat jahrelang beeindruckende Wachstumsraten ausgewiesen, obwohl die Produkte dort ständig günstiger und / oder besser geworden sind.

Alles ganz harmlos also? Oder ist es sogar gut, wenn die Preise fallen? Nicht ganz, denn einen Verlierer gibt es in der Deflation. All diejenigen nämlich, die Schulden haben. In Kaufkraft gemessen werden die dann ständig mehr. Das wird zwar – mehr als – abgefedert durch die niedrigen Zinsen, die in einer Deflation in der Regel gezahlt werden müssen. Ob das aber jedem klar ist, das ist die Schlüsselfragen. Denn möglich ist, dass Unternehmen Investitionen verschieben, weil sie den Schuldenzuwachs fürchten.

Ob Deflation nun dramatisch ist oder nicht, mag dahingestellt bleiben. Sicher ist aber eines: Die Regierungen werden mit allen Mitteln versuchen, eine Deflation zu verhindern. Denn die größten Schuldner und damit die größten Verlierer einer Deflation sind – die Staaten.


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