Montag, 23. März 2015

Wer lehrt die Deutschen endlich das Aktien-ABC?

Es gibt Sätze, die bringen mich auf die Palme. Ganz nach oben. Und wenn ich die Kommentare zu den Protesten vor der EZB vorige Woche lese, komme ich gar nicht mehr runter. Denn in so gut wie allen steht sinngemäß: "Die Politik der EZB fördert reiche Aktienbesitzer und schadet den kleinen Sparern". Warum Menschen mit kleinen Einkommen kaum an die Börse gehen, ist aber nirgendwo thematisiert. Habe ich etwa nicht mitbekommen, dass man zum Erwerb von Aktien inzwischen einen Einkommensnachweis vorlegen muss?

Denn die Erkenntnis, dass Bankeinlagen und Anleihen kein gutes Geschäft mehr sind, hat sich inzwischen rumgesprochen unter deutschen Anlegern. Nach dem aktuellen Investmentbarometer der Nürnberger Marktforschungsgesellschaft GfK halten nur noch etwa 10 Prozent der Befragten ein Sparbuch für eine attraktive Geldanlage. 2011 war es noch 25 Prozent. Aktien und Investmentfonds sind dagegen attraktiver geworden. Jeweils 17 Prozent der Deutschen halten sie für interessant.

Das muss man sich schon die Augen reiben, wenn man die neuen Zahlen des Daten des Deutschen Aktieninstituts DAI durchsieht. Die Zahl der Deutschen, die Aktien oder Fonds besitzen ist 2014 – deutlich gesunken! Rund eine halbe Millionen Deutsche haben sich 2014 von der Börse verabschiedet – trotz Rekordgewinnen.

Für mich ein alarmierendes Zeichen, das wohl viele Ursachen hat. Da sind zum einen die neuen, strengen Vorschriften für die Haftung der Banken bei Anlageberatung. Ein Insider erklärte mir, dass das ganze Prozedere mit Protokoll und Einspruch inzwischen so aufwändig und damit teuer geworden ist, dass es sich einfach bei Menschen mit kleinen Anlagesummen nicht mehr lohnt. Die bekommen dann wohl doch einfach einen Sparplan mit Zinsen.

Zum anderen hat die Börse in Deutschland inzwischen wieder einen Ruf, der in etwa mit dem Tragen von Pelzen zu vergleichen ist. "Ich investiere in Aktien", ist auf vielen Parties in etwa so provokant wie "Ich mag keine Ausländer".

Sonderbar, denn die Idee der breiten Beteiligung an Produktionsmitteln ist eigentlich ein urlinke Idee, die auf Marx zurückgeht und in der DDR als Volkseigener Betrieb umgesetzt würde. Und wenn ich mir ab und zu das Träumen erlaube, stelle ich mir Unternehmen vor, die von aktiven Aktionären in der Hauptversammlung mitgelenkt werden – zum Nutzen der Angestellten und der Gesellschaft.

Die tiefe Ursache liegt also in einem großen Missverständnis. Es ist eben nicht egoistisch und gewinnsüchtig, Aktien zu halten. Es ist logisch und für alle ein Gewinn. Ja die Kurse schwanken und ja, immer wieder einmal widersprechen sich die Interessen von Wirtschaft und Gesellschaft. Aber ersteres ist mit Streuung und einem langfristigen Ansatz für die Sparer in den Griff zu bekommen (und würde sich bei mehr Aktionären auch entschärfen) und zweiteres ist für mich eines der wichtigsten Argumente für mehr Beteiligung am Aktienvermögen.

Um das klar zu stellen: Ich glaube nicht, dass die Mischung aus Sparpolitik und Geldschwemme wirklich gut funktioniert, um Euroland zu sanieren, und ich halte sie schon gar nicht für alternativlos. Doch sie ist nun mal da und die Frage lautet, wie wir damit umgehen.

Doch die Vorurteile gegen die bösen Kapitalisten an der Börse sind groß – wahrscheinlich am größten bei den Politiker. Dabei schaden sie geraden den Einkommensschwachen. Ihr lieben Abgeordneten, Minister und Beamten: Wenn Ihr wirklich mehr soziale Gerechtigkeit wollt: Fördert endlich den Aktienbesitz in Deutschland!


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Kommentare:

  1. Danke für dieses tolle Plädoyer pro Aktieninvestments!

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  2. Einmal mehr stolpern wir über das, was man als finanzielles Analphabetentum bezeichnen muss. Sieht man mal davon ab, dass die EZB nicht die "reichen" Aktienbesitzer fördert, stelle ich in meinem Umfeld immer wieder fest, dass dort Aktien als Teufelszeug verschrien sind. Typischerweise sind die Schreier aber genau die Leute, die nicht einmal eine Vorstellung davon haben, was eine Aktie ist.

    Vielleicht hat ja diese Schülerin doch recht, die zwar Gedichtsinterpretationen lernt (und nie mehr in ihrem Leben braucht), aber nicht weiß, wie sie ihre Steuererklärung machen (geschweige denn frisieren) kann - und eben wohl auch, wie man mit Geld umgeht. Und dazu gehört auch, dass man lernt, zu investieren.

    Jeder hat es in der Hand etwas für seine finanzielle Unabhängigkeit zu tun oder sein leben lang Sklave seines Chefs und seiner Bank zu sein. Aber offenbar sind, was finanzielle Bildung angeht, 90% der Deutschen in einer bildungsfernen Schicht. Oder sie sind gerne Sklaven. Ich kann das meinen nicht-deutschen Bekannten nicht erklären.

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  3. Wirklich toller und sehr treffender Artikel. Genau das stelle ich auch immer wieder fest.

    Das war auch ein Grund, warum ich meinen Blog gegründet habe. Und ich merke, dass sich die Leute verstärkt um ihre Anlagen kümmern, wenn es vernünftig erklärt wird.

    Am Freitag veröffentliche ich mein neues Mixtape der Woche und verlinke den Artikel von Euch.

    Viele Grüße
    Daniel von Finanzrocker.net

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