Montag, 1. Februar 2016

Was kostete die Flüchtlingskrise?

Schießbefehl und Verlust der nationalen Identität  - oder große Chance und humanitäres Gebot? Die Flüchtlingskrise polarisiert die Deutschen und die Debatte wird immer hysterischer. Nun rechnet ein Wirtschaftsforschungsinstitut vor, welche Kosten die Versorgung der Flüchtlinge erzeugt  – und liefert ein missverständliches und Missbrauchsgefährdetes Zahlenwerk ab.

Rund 50 Milliarden Euro bis 2017 ist das Ergebnis. So viel kosten laut Institut der Deutschen Wirtschaft IW die Unterbringung, Verpflegung sowie Sprach- und Integrationkurse. Eine Anstrengung, die zwar zu stemmen sei, die öffentlichen Kassen aber erheblich belasten werde, so das IW. Ohne Neuverschuldung sei das kaum zu bewerkstelligen, so die Schlussfolgerung.

Dabei geht das IW von verschiedenen Annahmen aus. Das beginnt mit der Zahl der Flüchtlinge, die im laufenden Jahr Deutschland erreichen werden. Das IW rechnet hier mit 500.000. Wesentlichen Einfluss haben aber auch die Annahmen zur Erwerbstätigkeit. Wie viele wollen oder können überhaupt in den Arbeitsmarkt integriert werden? Wieviel werden einen Job aufnehmen und nicht mehr auf staatliche Unterstützung angewiesen sein? Und vor allem: Wie lange dauert die Suche nach Arbeit?

Die Vielzahl der Annahmen macht die Berechnungen zu nicht mehr als einer Hausnummer. Doch das ist unbestritten besser als gar nichts. Und wäre hilfreich, wenn es genau so dargestellt würde.

Schlimmer noch ist allerdings, dass in der Studie alle positiven Effekte für die öffentlichen Kassen ignoriert werden, und zwar komplett. Das heißt es wird nicht einmal erwähnt, dass sie in der Rechnung nicht berücksichtigt werden. Doch wenn der Staat 50 Milliarden Euro für die Flüchtlingshilfe ausgibt, wird ein nicht unerheblicher Teil davon wieder in die Staatskasse zurückfließen. Denn jeder neue Deutschlehrer, jeder Flüchtling in Arbeit zahlt Steuern. Und sollte die Integration gelinge, wird dieser Effekt die Ausgaben immer mehr kompensieren und irgendwann überkompensieren. Die 50 Milliarden sind also nicht mehr und nicht weniger als eine grobe Schätzung für die dafür notwendigen Investition.

Das IW spricht allerdings von Kosten, und es ist absehbar, dass die Zahl 50 Milliarden Euro nun Bestandteil der aufgeheizten Diskussion wird. Daher wäre das Institut gut beraten gewesen, besser auf die Schwächen und Grenzen ihrer Berechnungen hinzuweisen. Dann hätten die Forscher vermutlich aber auch kaum die Schlussfolgerung ableiten können, dass die Flüchtlingskrise zwangsläufig zu steigender Staatsverschuldung führen wird.

Mehr Beiträge vom finanzjournalisten blog

Kommentare:

  1. So einfach ist die Rechnung nicht. Dem Arbeitsmarkt stehen gravierende Änderungen bevor (Industrie 4.0 etc.). Die Digitalisierung zerstört künftig mehr Arbeitsplätze, als sie neue schafft. Zugleich wird der Wettbewerb durch Null-Stunden-Verträge härter. Jeder vierte deutsche Erwerbstätige arbeitet mittlerweile im Niedriglohnsektor. Genau der Bereich wo etliche Flüchtlinge mangels Bildung eintreten werden. Ca. zwei Drittel der jungen Leute in Südeuropa sind ohne Job und drängen auch zunehmend nach Deutschland. Die Flüchtlingskrise wird die Situation aus meiner Sicht verschärfen. Von kulturellen Herausforderungen ganz zu schweigen.

    AntwortenLöschen
  2. Nach wie vielen Jahren würden Sie eine Überkompensation für die Staats- und für die Sozialversicherungskassen erwarten ?

    AntwortenLöschen