Freitag, 9. September 2016

Freitagsfrage: Warum werden sogar Firmenanleihen mit Negativzinsen aufgelegt?

In der abgelaufenen Woche gab es ein historisches Ereignis: Die ersten Unternehmensanleihen mit Negativrendite kamen auf den Markt. Warum müssen Anleger nun auch dafür bezahlen, wenn sie Firmenbonds kaufen "dürfen"?

Der Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel und der Pariser Pharmariese Sanofi haben es als erste geschafft, mit Unternehmensanleihen quasi Geld zu verdienen. Die Rendite eines Teils ihrer neuen Bonds betrug minus 0,05 %. Bei früher emittierten Firmenanleihen sind Minuszinsen allerdings nichts Neues. Zahlreiche Bonds mit kurzen Restlaufzeiten werfen schon länger keine Renditen mehr ab.

Auslöser dieser perversen Situation ist – wie könnte es anders sein – die EZB. Als sie im März ankündigte, in ihr Anleihenkaufprogramm, das monatlich 80 Milliarden Euro umfasst, neben Staatsanleihen ab Juni auch Unternehmensbonds einzubeziehen, gab es für die Schuldverschreibungen von großen Konzern kein Halten mehr: Die Kurse stiegen steil an – und entsprechend rauschten die Renditen in die Tiefe.

Denn diese Ankündigung der EZB war so etwas wie die Lizenz zum Gelddrucken. Da die Notenbank nur Anleihen mit guter Bonität und ausreichendem Volumen aufkaufen darf, stürzten sich die Anleger auf Anleihen großer, stabiler Unternehmen – und verkauften nun einen Teil davon mit happigen Kursgewinnen an die EZB. Da die Notenbanken mit durchschnittlich 1,7 Milliarden Euro pro Woche sogar mehr Firmenbonds erwarben als erwartet worden war, gingen die Renditen seit Juni nochmals deutlich nach unten, so dass nun mit Henkel (WKN XS1488370740) und Sanofi (WKN
FR0013201613)  die ersten Konzerne mit Minuszinsen erfolgreich waren. Die Nachfrage nach diesen Titeln war trotzdem so riesig, dass die Emissionssumme mehrfach überzeichnet war. Da die Mindestanlagesumme jeweils 1000 Euro beträgt, rechnen die Unternehmen also sogar mit privaten Anlegern als Käufern.

Profiteure dieser Negativzinsen sind ausschließlich große Unternehmen, da nur deren Bonds in das "Beuteschema" der EZB passen. Kleine und mittlere Unternehmen kommen dagegen nicht in den Genuss der Segnungen. Deshalb hat es seit März eine deutliche Spaltung des Marktes für Unternehmensanleihen gegeben. Investmentbanken und große Konzerne legen inzwischen sogar ganz gezielt Bonds auf, die genau in die Anforderungen der EZB passen. Schließlich muss die Währungsbehörde noch mindestens ein halbes Jahr lang Woche für Woche für fast 2 Milliarden Euro Unternehmenanleihen finden - was in dem stark fragmentierten Markt der Firmenbonds gar nicht so einfach ist.

Kritisch wird es, wenn die EZB ihr Kaufprogramm weit über den März 2017 hinaus verlängert. Dann gehen nicht nur die Staatsanleihen aus, die gekauft werden dürfen, sondern allmählich auch die Firmenbonds. Und dann könnten, so die Gedankenspiele der Notenbanker, letztlich sogar Aktien gekauft werden. Denn dieser Markt ist so riesig, dass der EZB dort nicht so schnell die mögliche Beute ausgeht.

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