Freitag, 7. Oktober 2016

Freitagsfrage: Kommt jetzt die Zinswende bei Anleihen?

An den Anleihenmärkten herrscht hochgradige Nervosität. Die Angst vor der Zinswende geht um. In den letzten Wochen sind die Renditen weltweit bereits deutlich gestiegen - ist das nur eines der vielen Fehlsignale wie in den letzten Jahren oder tatsächlich der Beginn eines dauerhaften Renditeanstiegs?

Die vergangenen Tage waren symptomatisch: Als das Gerücht aufkam, die EZB überlege sich Strategien, wie sie den Ausstieg aus ihrem milliardenschweren Anleihenkaufprogramm bewältigen kann, kletterten die Renditen steil nach oben und entsprechend fielen die Anleihenfutures deutlich im Kurs. Der Bund-Future verlor fast drei Prozentpunkte binnen Wochenfrist, da die Rendite der 10jährigen Bundesanleihen  von -0,15 % auf +0,03 % kletterte.

Aber nicht nur in Deutschland, das nach der Schweiz und Japan das niedrigste Renditeniveau weltweit verzeichnet, zogen die Renditen an: In den USA war der Anstieg noch etwas ausgeprägter, ebenso in den meisten EU-Ländern. Für viele Experten kam das überraschend, weil sie davon ausgegangen waren, dass die Renditen gar nicht klettern können, so lange die EZB Monat für Monat Anleihen im Wert von 80 Milliarden Euro aufkauft und damit eine künstliche Verknappung herbeiführt.

Die leisen Anzeichen, dass die EZB vielleicht schon ab März 2017 ihr Kaufvolumen zurückfahren könnte, genügten, um die Anleger gründlich zu verunsichern. Neben diesen Spekulationen über eine weniger lockere EZB-Politik gibt es aber noch andere Gründe, die dafür sprechen, dass die atemberaubende Talfahrt der Bondrenditen in den vergangenen 35 Jahren - von zweistelligen Zinsen auf Minusrenditen - ihren Tiefpunkt erreicht hat:

Erstens bewegen sich die Anleihenzinsen in der Eurozone nicht im luftleeren Raum. Sie hängen stark davon ab, wie es beim Zins-Anführer USA weitergeht. Und da signalisieren die jüngsten Konjunkturdaten, dass die Wirtschaft etwas mehr Fahrt aufnimmt als erwartet und dass damit eine Leitzinserhöhung im Dezember immer wahrscheinlicher wird. Steigende Zinsen in den USA aber ziehen fast unweigerlich auch höhere in Euroland nach sich, zumal sich die Konjunkturdaten auch in Deutschland, Frankreich und Spanien zuletzt verbessert haben.

Zweitens weicht die Deflationsangst, die bisher die Politik der Notenbanken bestimmt hatte, ganz langsam der Erkenntnis, dass Deflation - also sinkende Preise - nicht länger das Hauptproblem ist, sondern im Gegenteil ein starkes Anziehen der Inflation. Das ist zwar von den Notenbankern so gewünscht, und sie versichern immer wieder, dass sie nichts unterlassen werden, um die Inflationsrate in die Nähe der 2-Prozent-Marke zu hieven. Aber möglicherweise erfolgt der Inflationsschub schneller und ausgeprägter als erwartet.

Denn die gestiegenen Ölpreise werden bereits ab diesem Monat die Preise deutlich in die Höhe treiben. Der Oktober wird voraussichtlich der erste Monat seit langer Zeit sein, in dem die Energiekosten die Inflation nicht entlasten, sondern belasten. Vor einem Jahr lag der Ölpreis für die Sorte Brent bei knapp 50 Dollar je Barrel, jetzt sind es gut 52 Dollar. Der Teuerungseffekt durch Rohöl wird anschließend immer größer, da vor einem Jahr Brent-Öl bis kurz nach der Jahreswende extrem fiel und zeitweise nur gut halb so viel kostete wie derzeit. Die amtlichen Inflationsraten werden sich deshalb wohl schnell auf die sogenannte Kern-Inflation zubewegen, bei der Energie- und Nahrungsmittelpreise herausgerechnet sind. Und die liegt in den USA bereits über 2 % und in Deutschland bei 1,2 %. Das bedeutet, dass die Realverzinsung von Bundesanleihen noch deutlicher ins Minus rutscht, schon jetzt beträgt sie fast einen Prozentpunkt. Die Anleger werden deshalb höhere Renditen verlangen.

Vorerst werden natürlich die Anleihenkäufe der EZB den Zinsanstieg bremsen, aber ein Rückfall der Rendite auf alte Tiefs - bei 10-jährigen Bundesanleihen wären das minus 0,25% - ist angesichts des stark veränderten fundamentalen Umfelds kaum zu erwarten. Dagegen kommen auch die Marktmanipulationen der EZB und anderer Notenbanken nicht völlig an. Der amerikanische Bondguru Bill Gross hat schon vor mehr als einem Jahr die Spekulation auf steigende Renditen bei Bundesanleihen als "Trade des Jahrhunderts" bezeichnet, aber auch hinzugefügt, dass die Chance erst ausgelöst werde, wenn die EZB ihre Anleihenkäufe einschränke.

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