Mittwoch, 9. November 2016

Trump und Brexit: Die Börsen blamieren sich gründlich

Bisher galt es als ungeschriebenes Gesetz: Die Börsen machen die besten Voraussagen, wenn es um die Konjunktur und den Ausgang wichtiger Wahlen geht. Aber nun haben die Finanzmärkte schon zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres bei Abstimmungen das Gegenteil dessen prophezeit, was tatsächlich eingetreten ist.

Gestern noch war die Überzeugung, dass Hillary Clinton die US-Wahl klar gewinnen werde, an den Börsen fast unumstößlich. Die Aktienindizes legten weltweit kräftig zu, der Dollar erholte sich von jüngsten Rückgängen und die Rohstoffmärkte – außer Öl – haussierten. Alle wollten noch auf den Zug aufspringen, der nach der Wahl stolze Gewinne bescheren sollte.

Besonders gefragt war der so genannte Anti-Trump-Indexfonds, ein ETF auf den mexikanischen Aktienmarkt, der um über 5 Prozent gewann und die höchsten Mittelzuflüsse seit drei Jahren verzeichnete. Dagegen gaben Pharmaaktien deutlich nach, weil sie als Hauptverlierer eines Clinton-Siegs galten. Denn Hillary Clinton hatte angekündigt, die Arzneipreise kräftig zu senken - nur so lässt sich der extreme Kostenschub bei Obamacare, der Gesundheitsreform des jetzigen Präsidenten,  dämpfen.  Aber nun steht Obamacare wohl vor dem Aus, zumindest in seiner aktuellen Form.

Heute nun ging es zunächst steil abwärts mit Aktien, Rohstoffen und Dollar. Wie immer, wenn etwas Unerwartetes passiert, wird erst verkauft und dann nachgedacht. Aufgeschreckt von Prognosen amerikanischer Banken, denen zufolge ein Trump-Sieg zehn bis 15 Prozent Kurseinbruch, vielleicht sogar einen Crash, bedeuten würde, warfen vor allem Spekulanten Aktien, Dollar und Rohstoffwetten auf den Markt. Aber der Verkaufswahn war nur kurz, und die Märkte kehrten fast zu einer Art Normalität zurück. Außer bei Pharmaaktien, die haussierten, und bei mexikanischen Aktien, die einbrachen.

Wie konnte das aber passieren, dass die Börsen erneut so irrten, nachdem sie schon bei der Brexit-Abstimmung völlig daneben lagen? Anscheinend verlassen sich die Börsenprofis zu sehr auf die Meinungsumfragen, und die haben beim Brexit versagt und auch gestern noch in ihrer Breite drei bis fünf Prozentpunkte Vorsprung für Clinton angezeigt. Was konnte da schon schief gehen, wenn man auf Hausse setzt, dachten sich viele Anleger – und fielen erneut auf die Nase. Meinungsumfragen werden deshalb an den Börsen in nächster Zeit kaum noch ernst genommen werden.  Donald Trump dagegen kann sich auch hier als Sieger fühlen. Er hat von Anfang an bemängelt, dass die Methodik der meisten Umfragen falsch sei.

Wer nicht gleich nach den ersten Anzeichen eines Trump-Sieges in Panik verfallen ist. hat jedoch gar nicht so viel verloren. Ein DAX-Rückgang um ein Prozent, wie er bis zum Mittag zu verzeichnen war, ist ja nicht ungewöhnlich. Trotz der Beruhigung sollten sich die Anleger aber nicht zu sehr in Sicherheit wiegen.

Die Analyseabteilungen der Banken und der Großanleger müssen sich erst auf eine Situation einstellen, mit der sie nie und nimmer gerechnet hatten. Das dauert. Und sie müssen abwarten, welche Schwerpunkte Donald Trump in seinen ersten Reden setzen wird. Angesagt sind deshalb zunächst sehr volatile Börsen. Da die Erwartungen an Trump jedoch sehr gering waren und sind, dürfte der Schock-Effekt auch längerfristig nicht so stark ausfallen wie es Untergangspropheten in ihren ersten Reaktionen geweissagt haben. Hier sollten die Anleger auch vom Brexit-Votum lernen. Die negativen wirtschaftlichen Folgen sind bisher in Britannien und weltweit viel geringer ausgefallen als befürchtet.

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