Montag, 22. Mai 2017

Die Deutschen leiden, aber sie profitieren auch von der EZB-Politik

Die EZB hält die Zinsen seit Jahren niedrig, Sparer bekommen so gut wie keine Zinsen mehr. Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank, hat nun genau ausgerechnet, wieviel Erträge den Deutschen dadurch entgangen ist: 436 Milliarden Euro bis Ende 2017.

Das klingt gigantisch: Denn stimmt das, wäre jeder Bundesbürger im Schnitt heute mehr als 5000 Euro ärmer als bei einer anderen Zinspolitik. Das wäre aber nur die eine Seite der Medaille. Denn erstens müssen die niedrigen Zinsen gegengerechnet werden, von denen jeder profitiert, der einen Kredit hat – und sei es nur eine Ratenzahlung auf Möbel oder eine Autofinanzierung. Das macht der DZ-Chefökonom selber und kommt auf eine Summe von 188 Milliarden Euro. Bleiben also 248 Milliarden Euro, die Sparer nicht erhalten haben.

So weit ,so logisch, doch auch diese Rechnung ist nicht komplett. Die Niedrigzinsen greifen einfach in viel zu viele Bereiche ein, als dass ein sauberer Effekt berechnet werden könnte. Sie haben zum Beipiel dafür gesorgt, dass der Eurokurs niedrig war und ist. Deutschland schafft auch deshalb einen Exportrekord nach dem anderen und fast jeder, der dadurch seinen Arbeitsplatz gesichert oder neu erhalten hat, dürfte mehr als 5000 Euro zusätzlich haben.

Zum anderen profitiert der Staat ganz erheblich von den niedrigen Zinsen. Weil die Schulden immer noch hoch sind, ist die Ersparnis für Finanzminister Schäuble gigantisch. Allein im vergangenen Jahr sollen es 47 Milliarden sein, insgesamt bis dato vermutlich fast 240 Milliarden. Eine Zahl, die einem bekannt vorkommt. Zudem sind sicher Milliarden gespart worden, die ansonsten für die Stützung angeschlagener Eurostaaten ausgegeben worden wären.

Um es klar zu stellen:Auch ich bin der Meinung, dass die Niedrigzinspolitik jetzt zu Ende gehen muss und sehe die bisher entstandenen Nachteile und Verwerfungen – wie eine gigantische Verschuldung und einige potentielle Blasen am Immobilienmarkt. Die Behauptung aber, dass alleine die Deutschen die Rechnung bezahlt haben, halte ich für falsch.

Denn ganz abgesehen davon steht es jedem frei, sich von schlecht verzinsten Bankeinlagen zu verabschieden. Wer Aktien hatte, konnte sich nicht nur über weniger Staatsschulden und eine gute Konjunktur freuen, sondern auch über einen saftigen Anstieg des persönlichen Vermögens. Und Aktien darf bekanntlich jeder kaufen – auch die "kleinen" Sparer.

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