Freitag, 27. Oktober 2017

Freitagsfrage: Wie wirkt sich die Halbierung der Anleihenkäufe durch die EZB auf die Aktien aus?

Auf den ersten Blick hat die EZB gestern genau das geliefert, was die Börsenexperten erwartet hatten: Eine Halbierung der monatlichen Anleihenkäufe ab Januar und einen unveränderten Leitzins von null Prozent. Dennoch haben Europas Aktien- und Rentenmärkte darauf mit starken Gewinnen reagiert.

Zum Großteil liegt das daran, was EZB-Chef Mario Draghi auf der Pressekonferenz erklärt hat oder zumindest durchblicken ließ. Die EZB wird demnach voraussichtlich im September 2018, wenn das Kaufprogramm frühestens ausläuft, nicht abrupt mit dem Einsammeln von Bonds aufhören. Draghi schloss sogar eine erneute Steigerung der Volumina nicht aus, falls es die Lage erfordere. Und er versicherte, dass die Anleihen, deren Laufzeit enden, durch neue Käufe ersetzt werden.Nicht zuletzt bekräftigte er zum wiederholten Mal, dass die Zinsen erst einige Zeit nach Auslaufen des Anleihekaufprogramms angehoben würden.

Das bedeutet im Klartext, dass die Leitzinsen vermutlich nicht vor 2020 steigen werden. Denn wenn die Bondkäufe ab Oktober 2018 verlängert werden – nach Expertenmeinung dann mit einer weiteren Halbierung auf 15 Milliarden Euro monatlich – läuft das "Quantitative Easing" frühestens im Frühjahr 2019 aus. Und da anschließend die Zinsen eine Zeitlang auf keinen Fall erhöht werden sollen, wird dieser Schritt kaum vor 2020 erfolgen – und auch dann nur, wenn bis dahin mit der Wirtschaft alles glatt läuft. Sonst kann es noch länger dauern mit dem Nullzins.

Für die Aktienmärkte ist das natürlich wie ein Geschenk des Himmels. Denn Anleihen und andere Zinsanlagen bringen weiterhin fast keine Zinsen, teilweise sogar Negativzinsen, und fallen damit als Rendite-Konkurrenz für Aktien noch eine ganze Weile aus. Der leichte Anstieg der Anleihenrenditen in den Wochen zuvor dürfte damit gebremst werden. Da in den USA dagegen die Leitzinsen und die Anleihenrenditen bereits zu klettern begonnen haben und weiter steigen dürften, weitet sich der Zinsvorteil von Dollaranlagen noch weiter aus – und das schwächt den Euro. Ein zu hoher Eurokurs aber war eine der größten Sorgen der Unternehmen. Wie die jüngsten Quartalszahlen zeigen, hat sich der starke Euro bzw. schwache Dollar zunehmend negativ auf die Gewinne ausgewirkt.

Für die Aktienmärkte in Europa sind also die – neben den politischen Turbulenzen – größten Sorgen vorerst beseitigt worden: Die Angst vor einem zu starken Euro und vor einem deutlichen Zinsanstieg am Anleihenmarkt. Deshalb stehen die Chancen gut, dass DAX und Co. ihren gestern wieder aufgenommenen Höhenflug noch eine ganze Weile fortsetzen können.


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