Dienstag, 10. März 2020

Der Ölpreiskrieg trifft die USA am stärksten

Der Absturz der Rohölpreise um über ein Drittel innerhalb von zwei Tagen wird meistens als Resultat eines Ölpreiskriegs zwischen Saudi Arabien und Russland angesehen. Aber das ist vermutlich nur die halbe Wahrheit. Zielscheibe dürfte vor allem die US-Ölindustrie sein.

Saudi Arabien hat zwar auf die Weigerung Russlands reagiert, keine zusätzlichen Förderbegrenzungen zu den bis 31. März bereits bestehenden zu akzeptieren – aber die Botschaften, die nach dem gescheiterten OPEC+-Treffen zwischen den beiden Regierungen ausgetauscht wurden, waren alles andere als kriegerisch. Beide betonten, dass OPEC+, der Zusammenschluss von OPEC und anderen Ölproduzenten mit Russland an der Spitze, keineswegs aufgegeben werde. Im Prinzip kam die ausbleibende Einigung auch gar nicht so überraschend. Präsident Putin hatte bereits vor Wochen von der Möglichkeit gesprochen, dass der Ölpreis Richtung 30 Dollar fallen könnte. Russland erwarte eine weltweite Ölschwemme.

Es macht nach Ansicht Moskaus wenig Sinn, die Förderung von OPEC+ um 1,5 Millionen Barrel pro Tag zu kürzen, wenn die Corona-Krise die Ölnachfrage jetzt schon um vier Millionen Barrel reduziert habe. Und Russland weiß natürlich, dass jede Ölpreisstabilisierung zwar überwiegend von Saudi Arabien und Russland gestemmt werden muss - der wahre Gewinner aber die US-Ölindustrie ist, insbesondere die Fracking-Unternehmen. Mit der ökologisch umstrittenenen Fördermethode wird seit Jahren immer mehr Öl und Gas produziert, so dass die USA inzwischen zum größten Energieproduzenten der Welt geworden sind. Die Marktanteile, die OPEC+ mit Förderkürzungen aufgibt, holen sich mühelos die US-Fracker.

Allerdings hat die Fracking-Industrie ein Riesenproblem, das bisher die OPEC für sie gelöst hat: Die Produktion eines Barrel Rohöl kostet, je nach Ölfeld, zwischen 40 und 70 Dollar. Bei Preisen von 35 Dollar wird das natürlich zu einem riesigen Verlustgeschäft, sobald die früher auf Termin zu höheren Preisen verkauften Ölmengen ausgeliefert sind. Dann lohnt sich für viele kleinere Firmen das Fördern nicht mehr. Da die Industriue aber auf einem Berg an Schulden sitzt - die Schätzungen liegen bei einer Billion Dollar -, bedeutet das früher oder später eine Fülle von Pleiten.

Russland hat mit seiner Weigerung einer weiteren Förderkürzung das alles sicherlich im Blick gehabt, weil es fürchten musste, weitere Kunden an die USA zu verlieren. Langfristig lässt sich der Ölpreis ohne immer weitere Förderkürzungen von OPEC+ nur stabilsieren, wenn die US-Frackingindustrie schrumpft. Und dieser Prozess scheint nun eingeleitet zu sein.

Aber das ist noch nicht alles. Zielpunkt Nummer zwei ist die Gasindustrie. Nachdem die USA Nordstream 2, die Gasleitung zwischen Russland und Deutschland, mit Sanktionen gestoppt haben, sieht Moskau eine gute Gelegenheit zurückzuschlagen. Denn mit dem Ölpreis fällt auch der Gaspreis - und hier haben die USA das größte Problem. Sie wollen mit aller Macht ihr Fracking-Gas als Flüssiggas (LNG) an alle Welt verkaufen, insbesondere nach Europa. Und da ist Russland der große Konkurrent. Bei den jetzigen Gaspreisen lohnt sich eine Verflüssigung in den USA, eine Verschiffung nach Europa und dann eine Rückumwandlung in Gas ganz und gar nicht, es wird zum gigantischen Verlustgeschäft. Und dann werden die USA kaum weiter LNG nach Übersee verschiffen. Dann würde das Gegenteil dessen eintreten, was die USA stets an die Wand gemalt hatten: Nicht Russland wäre der unzuverlässige Gaslieferant, sondern die USA.

Dass Russland auf so ein Szenario vorbereitet ist, zeigen die Aussagen der Regierung. Da sie im Staatshaushalt vorsichtig seit Jahren nur mit Ölpreisen von 42 Dollar je Barrel rechnet und den Rest in einen Staatsfonds gesteckt hat, stehen ihr enorme Geldreserven zur Verfügung, um den Staatshaushalt zu entlasten. Rund 130 Milliarden Euro waren es Anfang März. Das reicht nach Expertenmeinung, um bei Ölpreisen zwischen 25 und 30 Dollar sechs bis 10 Jahre ohne zusätzliche Einschränkungen der Staatsausgaben auskommen zu können. Wenn es nach Russland geht, kann die Phase der niedrigen Ölpreise deshalb so lange anhalten, bis der US-Frackingindustrie die Luft ausgeht.

Mehr Beiträge vom finanzjournalisten blog





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen