Montag, 16. März 2020

Solidarität zeigen - auch wirtschaftlich!

Unser Leben steht auf dem Kopf. Jeder kämpft mit Angst und Einschränkungen. Aber viele kämpfen um viel mehr – Ihre Existenz. Zeit darüber nachzudenken, Solidarität zu zeigen und eben nicht immer auf Rückerstattungen zu pochen, sofern man sich das leisten kann.

Gestern habe ich eine Unterkunft gecancelt. Ich hatte geplant, Anfang Mai in die USA nach Omaha zufahren – die Hauptversammlung von Berkshire Hathaway stand im Kalender. Ich hatte eine Wohnung über Airbnb gemietet, mein Vermieter hieß Ben, nach dem Photo ein netter Kerl, der in Omaha ein paar Unterkünfte anbietet. Ich schrieb ihm eine Nachricht, dass es mir leid für ihn tut, dass ich absagen muss und ich hoffe, dass die Zeiten bald wieder besser werden.

Irgendwie habe ich aber nicht mehr aufhören können, darüber nachzudenken, wie es Ben jetzt geht. Und vielen Anderen, deren wirtschaftliche Existenz eigentlich solide dasteht, jetzt aber vielleicht zusammenbricht. Keine Ahnung ob Ben an dem Punkt ist, aber ich habe einen Entschluss gefasst: Ja, ich versuche – für mich aber auch für uns alle – ganz vorbildlich Sozialkontakte zu vermeiden. Ich gehe nur noch raus, wenn es wirklich sein muss und ich werde auch berufliche Kontakte und Reisen absagen, die in den kommenden Wochen in meinem Kalender stehen.

Ich bin aber in einer glücklichen Lage: Ich arbeite in einem Beruf, in dem meine Existenz weiter Bestand haben wird. Ich schreibe und habe mein Büro sowieso zu Hause. Ja, ein paar Aufträge werde ich verlieren. Berichte aus Omaha zum Beispiel. Andere werden sich verzögern. Auf der anderen Seite brauche ich im Moment auch weniger Geld als normal. Daheim sein ist billiger.

Nächste Woche habe ich einen Friseurtermin. Anders als bei Ben weiß ich genau, zu wem ich da gehe: Ich bin Kundin bei einer alleinerziehenden Mutter, die selbständig ist und ihr Leben bewundernswert managet, obwohl das sicher nicht immer leicht ist. Aber: Sie ist muss ihre Kinder versorgen und hat viele Kundenkontakte. Sie sollte besser nicht krank werden. Ich geh also nicht hin.

Und überweise das Geld einfach trotzdem.

Genau das will ich bei allen Stornierungen und Absagen jetzt überlegen. In welcher Situation ist mein Vertragspartner? Habe ich wirklich genug Reserven, dass ich mir Großzügigkeit leisten kann? Muss ich auf Rückerstattung pochen? Oder kann ich vielleicht zumindest einen Teilbetrag bezahlen, obwohl ich nicht hingehe?

Ich alleine werden damit nicht mehr bewirken, als dass sich jemand freut und unterstützt fühlt. Aber vielleicht sind mehr Menschen als ich in der glücklichen Lage, dass sie bei der einen oder anderen Absage zumindest ein bisschen Solidarität zeigen können.

Das trifft sicher nicht auf viele zu, und die können die Probleme für die vielen anderen nicht beseitigen. Aber vielleicht ein bisschen mindern. Und das wäre auch volkwirtschaftlich sinnvoll. Wir, deren Existenz jetzt nicht unmittelbar gefährdet ist, werden die Folgen der Krise ohnehin mittragen müssen. Über Steuern und Abgaben. Und je schlimmer der Schaden, desto höher wird später die Rechnung.


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