Dienstag, 28. April 2020

Ist der Kursaufschwung übertrieben?

Die Wirtschaftsforscher überbieten sich Tag für Tag mit immer noch düstereren Konjunkturprognosen für dieses Jahr. Und dennoch stürmen die Aktienkurse seit den Crashtiefs von Mitte März vehement nach oben und haben einen erheblichen Teil der riesigen Verluste schon wieder wettgemacht. Wie passt das zusammen? Spinnen die Börsen?

Der DAX hat sich um über 2000 Punkte erholt und rangiert "nur" noch rund 22 Prozent unter dem Rekordhoch. Beim S&P 500 beträgt der Abstand zum Allzeithoch sogar nur noch 15 Prozent. So mancher Anleger, aber auch Analysten und Börsenstrategen sehen eine erhebliche Diskrepanz zwischen den erwarteten Wirtschaftseinbrüchen und Arbeitslosenrekorden auf der einen Seite und den munter nach oben strebenden Aktienkursen auf der anderen. Vor allem Investoren, die noch nicht wieder eingestiegen sind, sprechen von maßloser Übertreibung.

Aber  - die kräftige Erholung seit Mitte/Ende März lässt sich durchaus erklären: Mit der Vorlauffunktion der Börse. Die Aktienmärkte eilen in der Regel der realen Wirtschaft um sechs bis neun Monate voraus. Und wenn wir diese Zeitspanne in die Rechnung einbeziehen, müssen wir uns fragen, wie die Welt Ende 2020/Anfang 2021 aussehen wird.

Klar - genau weiß das niemand, weil die Unwägbarkeiten der Corona-Pandemie viel zu groß sind. Deshalb erstellen Wirtschaftsforscher und Börsenstrategen verschiedene Szenarien. Und als wahrscheinlichste kristallisert sich bei vielen heraus, dass die Konjunktur weltweit im zweiten und dritten Quartal 2020 ihr größtes Desaster seit Jahrzehnten erleben wird. Da aber die Notenbanken und Regierungen alles tun, um die Konjunktur nach der Krise wieder auf Erholungskurs zu schicken und zudem die ersten Länder die Wirtschaft wieder hochzufahren beginnen, rechnen viele damit, dass bereits im Schlußvierteljahr 2020 oder im ersten Quartal 2021 die Konjunktur wieder voll in Fahrt kommen wird.

Jan Hatzius, der Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs ist nicht der einzige, der in den kommenden Monaten einen gewaltigen Absturz des Wachstums erwarten - aber anschließend einen "beispiellosen Wiederaufschwung". Und den spielen die Börsen bereits. Solche Überlegungen spiegeln sich auch dort wieder, wo langfristig die Musik für Aktienkurse gemacht wird - bei den Unternehmensgewinnen.

Die Analysten rechnen nämlich laut den wöchentlichen Befragungen von Lipper Alpha im Durchschnitt mit einem Absturz der Gewinne im SP-500-Index um rund 18 Prozent in diesem Jahr, mit dem Tiefpunkt von minus 40 Prozent im zweiten Quartal. Aber für 2021 erwarten die Analysten bereits wieder einen Gewinnsprung um über 26 Prozent. Dadurch sollen die Gewinne sogar bereits wieder das alte Rekordhoch von 2019 übertreffen. Gemessen an diesen Gewinnschätzungen für 2021 würde der S&P 500 derzeit ein KGV von 16 bis 17 aufweisen - was durchaus im Rahmen läge.

Die Kurserholung an den Börsen lässt sich also durchaus gut begründen - aber natürlich nur, wenn die Kriseneffekte der Covid-19-Pandemie nicht weitaus länger anhalten und viel stärker ausfallen als derzeit erwartet wird.

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