Dienstag, 26. März 2019

Nullzinsen für immer und ewig?

Das Ende der Nullzinsphase wird immer weiter nach hinten verschoben. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat auf ihrer letzten Sitzung von Anfang März den frühestmöglichen Termin von Herbst 2019 auf Anfang 2020 verlegt. Aber angesichts der Konjunkturschwäche ist eine erste Leitzinserhöhung vermutlich sogar im gesamten kommenden Jahr unwahrscheinlich geworden. Spötter rechnen damit, dass die EZB erst am "St. Nimmerleinstag" von ihrer Nullzinspolitik abrücken wird.

Gerüchten zufolge wollte EZB-Chef Mario Draghi in der Pressemitteilung das Frühjahr 2020 als frühesten Termin nennen, wurde aber von seinen Kollegen gebremst. Aber wenn man eins und eins zusammenzählt, ist selbst im kommenden Jahr eine Abkehr von der Nullzinspolitik nicht zu erwarten. Zum einen kann die EZB in eine Phase der deutlichen wirtschaftlichen Abschwächung, insbesondere im Industriesektor, sowie einer starken Zurückhaltung der Unternehmen bei Investitionen die Zinsen nicht anheben, ohne ihre bisherige Politik ad absurdum zu führen. Eine Zinserhöhung ist erst denkbar, wenn sich die Konjunktur so stabilisiert hat, dass sie als "selbsttragend" charakterisiert werden kann. Und danach sieht es in der nächsten Zeit nicht aus.

Zweitens hat die EZB neue Notkredite für die Banken mit dem sperrigen Namen TLTRO-III angekündigt. Die erste Tranche dieser Kredite mit zwei Jahren Laufzeit wird im September 2019 aufgelegt, die letzte erst im März 2021. Es ergibt aber wenig Sinn, wenn die EZB in dieser Zeit die Leitzinsen anhöbe. Dann würde sie mit der einen Hand geben, mit der anderen nehmen. Beide Maßnahmen nähmen sich gegenseitig viel von ihrer Wirkung. So gesehen ist eine erste Leizinserhöhung sogar frühestens in zwei Jahren wahrscheinlich. Wie bis dahin aber die konjunkturelle Lage aussieht, kann heute niemand voraussagen.

Denkbar wäre höchstens, dass die EZB die negativen Einlagenzinsen für Banken von minus 0,4% irgendwann streicht. Denn sie sorgen dafür, dass die europäischen Geldinstitute immer weiter hinter ihre internationalen Konkurrenten, vor allem die amerikanischen Banken, zurückfallen. Die Negativzinsen kosten die Geldhäusern pro Jahr rund acht Milliarden Euro. Die US-Banken dagegen erhalten von der Fed zig Milliarden für ihre Einlagen bei der Notenbank, weil die Fed über 2 Prozent Zinsen dafür bezahlt.

Drittens hat Charles Evans, der Chef der Fed-Niederlassung Chicago, der bei den Zinsentscheidungen der Fed stimmberechtigt ist, nun erklärt, dass er frühestens für die zweite Jahreshälfte 2020 eine Zinserhöhung der US-Notenbank erwartet. Die EZB wird aber kaum die Zinsen erhöhen, ohne dass die Fed vorangeht. Das würde den Euro verteuern und damit die schwache Industriekonjunktur noch mehr beeinträchtigen.

Die Zinssparer im Euroraum und speziell in Deutschland werden deshalb wohl noch sehr lange auf die Zinswende warten müssen, nachdem seit vorigem Freitag selbst zehnjährige Bundesanleihen mit minus 0,03% erstmals seit 2016 wieder negative Renditen abwerfen. Für fünfjährige Staatspapiere sind die Renditen auf minus 0,4% gefallen. Vermögensaufbau mit Zinsanlagen ist damit noch mehr zum Draufzahlgeschäft für die Sparer geworden als es dies real – also unter Berücksichtigung der Inflation – ohnehin schon seit Jahren ist.

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